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Belarus

Briefe und Postkarten an politische Gefangene schreiben

Die Inhaftierten freuen sich über Briefe von draußen wie Kinder – ganz besonders, wenn sie aus dem Ausland kommen.

Swetlana Tichanowskaja, 13. Dezember 20202 (Berlin)

Wir haben an dieser Stelle Hinweise zusammengestellt, die es Ihnen möglichst einfach machen, einen Brief oder eine Karte aus Deutschland an eine*n politische*n Gefangene*n in Belarus zu schicken – auch ganz ohne Belarusisch- oder Russisch-Kenntnisse.

Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten:

  1. Sie schreiben einen klassischen Brief und verschicken ihn von Deutschland aus oder
  2. Sie nutzen einen Internetservice in Belarus.

Im letzten Fall wird Ihr Brief (kostenlos) in Belarus von Aktivist*innen ausgedruckt und versendet. Bitte unterstützen Sie diese Projekte mit einer Spende!


Wer sind die politischen Gefangenen?

Am 01. Januar 2021 zählt die Menschenrechtsorganisation Viasna 169 politische Gefangene – so viele gab es in Belarus noch nie!


Auf der Webseite 100xSolidarität fordern Prominente Botschafter*innen der Solidarität die Freiheit der Gefangenen. Hier wird jede*r einzelne*r bei Viasna aufgeführte Gefangene vorgestellt.

Lesen Sie die Geschichten dieser mutigen Menschen, suchen Sie sich einige aus, denen Sie schreiben möchten:


Unter den politischen Gefangenen sind auch zahlreiche Eltern kleiner Kinder, die ohne ihren Vater oder ihre Mutter das Neujahrsfest 2021 feiern mussten (klicken Sie auf die Bilder, um mehr über diese Menschen zu erfahren):

  • Ihar Losik

Auf der Seite von Viasna können Sie gezielt nach Namen suchen oder die Liste nach dem Datum der Inhaftierung sortieren lassen.

Sie sehen außerdem auf einer Karte, wo genau diese Menschen inhaftiert sind:


Tipps und Hinweise

Warum sind Briefe an politische Gefangene so wichtig?

Jede*r einzelne politisch Inhaftierte sitzt zu Unrecht im Gefängnis! In demokratischen Ländern wären diese Menschen nie im Gefängnis gelandet. Es sind mutige Männer und Frauen, die die Einhaltung grundlegender Menschenrechte fordern, die sich für freie und faire Wahlen einsetzen oder das brutale Vorgehen des Regimes gegen friedlich Demonstrierende kritisieren. Das hundert- und tausendfache Unrecht, die Umstände der oft brutalen Verhaftungen und die Haftbedingungen selbst, die Isolation in den engen Zellen, psychischer und physischer Druck bis hin zur Anwendung von Folter – all das ist für einen Menschen nur schwer zu ertragen.

Deshalb sind Briefe so wichtig! Eine russische Aktivistin schreibt, sie habe von keinem ihrer ehemaligen Adressaten (politischen Gefangenen) gehört, dass ihre Briefe nutzlos oder vergebens waren. Briefe helfen den Menschen in den Gefängnissen zu verstehen, dass sie nicht allein sind. Sie unterstützen und wärmen wie eine warme Decke und bringen Hoffnung. Jede Zeile zeigt, dass sie in Erinnerung bleiben – nicht nur den Inhaftierten, sondern auch den Postboten, die die Briefe austragen, den Gefängnismitarbeitern, die die Briefe annehmen, den Zensoren, die die Briefe lesen.

Was sollte ich schreiben? Was muss ich beachten?

Wichtig: Die Briefe, einschließlich der Empfängeradresse, müssen auf Russisch oder Belarusisch geschrieben sein, ansonsten werden sie nicht an die Gefangenen weitergeleitet. Weiter unten finden Sie Tipps zu Übersetzungstools und einfache Beispielsätze auf Belarusisch.

Die folgenden Hinweise stammen von einer russischen Aktivistin, die seit Jahren politische Gefangene in Russland unterstützt und auf der Seite vkletochku.org ihre Erfahrungen teilt:

  1. Am Besten beginnen Sie Ihren Brief mit einer persönlichen Begrüßung und stellen sich dem/der Gefangenen vor: Wer Sie sind und woher Sie kommen, womit Sie sich zur Zeit beschäftigen (Arbeit/Ausbildung/Anderes). Kleine Einblicke in Ihren persönlichen Alltag können dabei helfen, dass sich der/die Empfänger*in ein besseres Bild von Ihnen machen kann.
    Legen Sie ein Bild von sich bei, wenn Sie möchten.
  2. Erzählen Sie Ihrem/Ihrer Empfänger*in, warum Sie sich dazu entschieden haben, ihnen einen Brief zu schreiben. Kennen Sie den/die Empfänger*in bereits aus den Nachrichten oder anderen Berichten? Haben Sie Gemeinsamkeiten? Was inspiriert sie an dieser Person? 
  3. Jede*r braucht Unterstützung. Schreiben Sie nicht nur bekannten Inhaftierten, wie Maria Kalesnikava, sondern auch Menschen, die nicht im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit stehen und die Briefe und Bestärkung dаher umso mehr brauchen. 
  4. Was in den Gefängnissen fehlt, sind Geschichten von draußen. Erzählen Sie mehr von sich selbst oder von der Welt. Schreiben Sie über positive Ereignisse, über aktuelle Nachrichten, die die Inhaftierten sonst nicht bekommen könnten, oder über etwas, dass sie selbst bewegt. Das kann eine vergangene Reise sein (vielleicht nach Belarus?) oder ein gutes Buch. 
  5. Unterschreiben Sie mit Ihrem Namen und dem Ort, aus dem Sie kommen (mit dem Zusatz „Deutschland“) – das können Sie natürlich auf Deutsch schreiben.
    Wenn Sie in Kontakt bleiben möchten, geben Sie Ihre Anschrift und/ oder eine E-Mail-Adresse an. Dann hat der/die Gefangene oder (stellvertretend) seine/ihre Familie und Bekannte die Möglichkeit, Ihnen zu antworten.
  6. Stellen Sie ihrem/ihrer Empfänger*in Fragen, die sie in kommenden Briefen beantworten können. Dadurch gestalten Sie eine lebhafte Konversation und können mehr über einander erfahren.
  7. Vergessen Sie nicht, dass Ihr Gespräch immer von Dritten mitgelesen wird: Geben Sie keine sensiblen oder belastenden Informationen preis. Äußern Sie keine direkte politische Kritik, um die Inhaftierten zu schützen.
  8. Noch ein Tipp: Machen Sie eine Kopie von Ihrem Brief, oder notieren Sie sich, worum es in Ihrem ersten Brief ging. Falls Ihr/e Empfänger*in Ihnen antwortet, können Sie die Konversation trotz Zeitverzögerung problemlos wieder aufnehmen, und wissen noch, worüber sie bereits geschrieben hatten.

Leider kommen nicht alle Briefe in den Gefängnissen bei den Inhaftierten an. Trotzdem möchten wir Sie darin bestärken, dass Ihre Briefe wichtig sind und gebraucht werden! Allein die Anzahl der Briefe und Postkarten ist ein starkes und sichtbares Zeichen der Solidarität: nicht nur die Inhaftierten sehen Ihre Briefe, sondern auch die Postboten, die die Briefe austragen, die Gefängnismitarbeiter, die die Briefe annehmen, die Zensoren, die die Briefe lesen.

Ich kann kein Russisch oder Belarusisch. Was tun?

Verfassen Sie Ihren Brief auf Deutsch am Computer und lassen sie ihn mithilfe von Google Translator oder DeepL übersetzen. Drucken Sie den Text aus und kleben ihn auf die Postkarte oder verschicken Sie ihn in einem Briefumschlag. Vergessen Sie nicht, zu unterschreiben!

Oder Sie schreiben einen der folgenden belarusischen Sätze per Hand auf Ihre Postkarte:

Ich denke an dich.
Ich wünsche dir alles Gute.
Ich habe von deinem Schicksal erfahren. (so schreibt ein MANN)
Ich habe von deinem Schicksal erfahren. (so schreibt eine FRAU)
Menschen auf der ganzen Welt schauen auf Belarus, sie verfolgen, was dort geschieht, und kümmern sich um Menschen wie Sie.
Wie finde ich die Postanschrift der Inhaftierten heraus?

Wählen Sie eine*n Inhaftierte*n aus der Liste der politischen Gefangenen von Viasna aus. Wenn die Anschrift bekannt ist, finden Sie diese eingerahmt beim Eintrag der/des Inhaftierte*n.

Die Empfängeradresse muss auf Russisch oder Belarusisch auf dem Briefumschlag oder der Postkarte erscheinen. Lassen Sie sich die Adresse auf Russisch/ Belarusisch anzeigen durch Umschalten der Sprache. Kopieren Sie die Adresse mit dem Namen, schreiben Sie in die letzte Zeile „Republic of Belarus“, drucken Sie die Anschrift aus und kleben Sie sie auf die Postkarte oder den Briefumschlag.

Beispiel:

ДМИТРИЙ КУЛАКОВСКИЙ
Следственная тюрьма №8
ул. Советская, 22А
222163, г. Жодино
Republic of Belarus

Wie viel Porto brauche ich für eine Postkarte bzw. einen Brief?

Der Versand einer Postkarte aus Deutschland nach Belarus kostet 0,95 €, der eines Briefs 1,10 €.

Kann ich online Briefe schreiben?

Es gibt inzwischen mehrere Online-Plattformen, über die Sie Texte an Gefangene schicken können, die dann in Belarus ausgedruckt und als Brief verschickt werden. Meist können Sie auch Fotos hochladen, die dann ebenfalls ausgedruckt werden. Die Plattform vkletochku.org (übersetzt „in die Zelle“ bzw. „kariert“) möchten wir hier vorstellen.

Die Seite ist im Moment nur auf Russisch verfügbar, die englische Version folgt in Kürze. Um den Service dennoch nutzen zu können, werden Sie im Folgenden über Links auf die von google ins Englische übersetzte Version der Seiten weitergeleitet.

Geben Sie Ihren Namen und Ihre E-Mail-Adresse in folgendem Formular ein:

Als nächstes müssen Sie den Namen des Inhaftierten aus einer Liste auswählen. Achtung! Google übersetzt die Namen oft falsch – schalten Sie das Formular auf die russische Originalversion um und suchen Sie den Namen der Person, der Sie schreiben möchten:

Die korrekte russische Schreibweise finden Sie in der Liste der politischen Gefangenen bei Viasna:

Kopieren Sie nun Ihren russischen bzw. belarusischen Text in das dafür vorgesehene Feld:

Laden Sie vielleicht noch ein Bild von sich hoch und drücken Sie auf „Send message“.

Vergessen Sie nicht, dieses Projekt („Uznik BY“) mit einer kleinen monatlichen Spende auf patreon.com zu unterstützen! Sie können Ihre Spende jederzeit wieder einstellen.

Wie bringe ich noch mehr Menschen dazu, Postkarten und Briefe an politische Gefangene zu schreiben?

Die Menschenrechtsorganisation Libereco hat unter dem Hashtag #WeStandBYyou die erste Unterstützungskampagne im deutschsprachigen Raum für politische Gefangene in Belarus gestartet.

Veröffentlichen Sie ein Bild von Ihnen mit der Postkarte auf Facebook, Instagram oder Twitter unter dem Hashtag #WeStandBYyou.  Fotografieren Sie sich beim Schreiben der Karte oder bevor Sie sie in den Briefkasten werfen. Schicken Sie das Foto auch gern per E-Mail an media@lphr.org